DoomsayClockMini Jahrestag

Am 14.1.2017 begann der Dauerprotest. Aus gegebenem Anlass wird Viola Kramer (VK) die Initiatorin von 5vor12 (5vor12) interviewen.

VK: Ersteinmal herzlichen Glückwunsch zum Jahrestag!

DoomsayClockMini Danke! *lächel*

VK: Rückblickend stellt sich die Frage: Wurde etwas erreicht?

DoomsayClockMini Ja, die Herzen der Leute.

VK: Das Ziel war aber: Tihange muss weg!

DoomsayClockMini Ja, das ist auch ein Ziel, aber nicht nur. Ganz ehrlich: Tihange wird abgeschaltet. Hoffentlich sehr bald. Es sind sehr viele Leute GEGEN Atomenergie, gegen Tihange und Doel. Außerdem gibt es inzwischen unglaubliche tolle Methoden der regenerativen Enegiegewinnung – leider ohne große Lobby. Und tatsächlich gibt es Befürworter einer „sauberen“ Energie (*hust*)! Anderen ist einfach alles egal, Hauptsache, der Strom kommt irgendwie aus der Steckdose. Diese Leute gilt es für das Thema zu interessieren.

Ein anderes Ziel war auch, auf dem Marktplatz wieder einen Raum zu etablieren, wo sich Leute treffen und miteinander reden – „Agora“ hieß bei den Griechen der Ort, an dem Kunst, Kultur und Politik statt fand. In Zeiten des Umbruches unserer Informationsgesellschaft könnte es sein, dass die Mundpropaganda, also der Klatsch und Tratsch von Mensch zu Mensch wieder eine sehr wichtige Rolle spielen wird. Dank 5vor12 kommt man mit sehr verschiedenen Leuten ins Gespräch und das bildet!

VK: Wie kam es zu der Idee von 5vor12?

DoomsayClockMini Man fragt sich zu Hause im stillen Kämmerlein: was kann ICH denn überhaupt für die Welt tun? Plötzlich war das Thema ist einfach da. Natürlich gibt es noch andere wichtige Themen, aber es braucht einzelne Personen, die für EIN bestimmtes Thema stehen und  wo sich andere anschließen können. „Empöret Euch“ – frei nach dem Buch von Stéphane Hessel. Der Entschluss war: jeden Samstag der Politik zu zeigen: nein, ich will das nicht! Macht was! Ich als Bürgerin sage NEIN zu Atomstrom. Jeden Samstag. Und wenn andere Personen das ebenfalls denken, kann man sich dazu stellen, egal welcher politischer Couleur man ist.
Beim ersten Mal habe ich in sozialen Medien ein wenig herum gepostet, dass ich das machen wollte und das war auch gut so. Vielleicht hätte ich sonst gekniffen. Es war und ist immer noch eine große Überwindung sich da hin zu stellen und begafft zu werden. Jedes Mal denke ich: ohweh, HEUTE stehst Du alleine da… aber egal. Das war einer der Lernprozesse, die ich durchlaufen habe. Und schon beim ersten mal stand ich nicht alleine da, sondern Herbert war direkt mit von der Partie. Das hat geholfen.

VK: Was waren denn weitere Lernprozesse?

DoomsayClockMini Ich habe viel über mich gelernt und über die Protestbewegung an sich, über Menschen, Gleichgesinnte, die Politik uvm.
Erst einmal: „darf man das eigentlich“ – sich einfach irgendwo hinstellen und seinen Schirm aufspannen und damit eine politische Aussage treffen? Was sagen die Wochenmarktbeschicker dazu? Sie haben in dieser Zeit das Hausrecht über den Platz. Mittelalterliche Strukturen, die noch heute gültig sind.
Dann das Versammlungsrecht. Irgend wann gab es eine Anzeige und jetzt muss diese „Veranstaltung“ ordnungsgemäß angemeldet werden. Zwei Polizeikräfte sorgen für unsere Sicherheit *lächel*. Leider ist das für potentielle Mitstreiter ein wenig abschreckend. Doch die Polizeikräfte sind zu „unserem Schutz“ da und nicht, um uns zu reglementieren.
Schwierig ist immer wieder die wöchentliche Selbstüberwindung mit der Angst, ausgelacht zu werden, weil „das ja doch alles nichts nützt“. Es gab Beschimpfungen und Unverständnis. Und es gibt immer wieder Leute, die zwar gegen Atomenergie sind, aber nicht teil nehmen wollen. Wahrscheinlich Berührungsängste.
Des weiteren gibt es andere Leute und Organisationen – „Konkurrenten“, die ebenfalls diesem Thema sehr viel Energie widmen – auf eine andere Art und mit anderen Aktionen. zB.: Menschenkette. Die Frage ist: wie kann man mit diesen Leuten zusammenarbeiten – oder wird das eher nicht gewünscht, weil man da ein Terrain betritt, was schon „besetzt“ ist. Ich informiere meinerseits immer gerne über weitere und ähnliche Aktionen.
Dann die Parteipolitik – eine Partei meint, dass das „ihr“ Thema ist und die Grünen tun auch sehr viel, das ist unbestritten. Aber was ist mit Leuten, die aus den Reihen der SPD kommen oder CDU oder sonst woher? Wo finden sich DIESE Leute wieder? Gar nicht so einfach, Leute zusammen zu bringen, die eigentlich die gleiche Meinung haben aber verschiedene Motivationen. Das gelingt nicht auf Anhieb. Da muss sehr viel Vertrauen aufgebaut werden.

VK: Wie motiviert man die Leute, die Aktion zu unterstützen?

DoomsayClockMini Das weiß ich nicht. Aber das ist auch ein Lernprozess. Mittlerweile gibt es einen kleinen Mitmach-Pool, die Wiederholungstäter. Andere machen spontan mit wenn sie sehen, was da passiert. Darüber freue ich mich. Man muss auch die Leute mit Berührungsängsten verstehen. Heute sagte mir jemand: „nachher steht er noch Reklame für irgend eine Partei, das wollte er nicht!“ Kann ich sehr gut verstehen, genau DAS will ich auch nicht. Eine andere Dauermitstreiteren, P., fand es anfangs befremdlich, dass es immer ein Foto gibt, was „im Internet“ veröffentlicht wird. Doch dann hat sie sich die Webpage angeschaut und  sich dann entschlossen, mit zu machen, wenn sie es schafft. Finde ich klasse! Dann mache ich gerne diese ganze Arbeit.

VK: Wie viel Zeit steckt denn wöchentlich in der Aktion drin?

DoomsayClockMini Die reine Aktionsarbeit besteht in der polizeilichen Anmeldung, ca 10 Minuten. Eine Stunde ist für die Aktion am Stier nötig und die Nachbereitung dauert eben so lange wie sie dauert. Nicht immer nehme ich mir dafür so viel Zeit wie heute. *lächel* Es gibt immer ein kleines Thema pro Aktion. Mal was Tagespolitisches, mal etwas Emotionales.

VK: Wie finanziert sich die Aktion?

DoomsayClockMini Gar nicht. Zu Beginn habe ich mir vorgenommen, ca 300€ zu investieren und dann ist Schluss. Ich habe Flyer entworfen und drucken lassen. Einige Schirme wurden gekauft zu 5€ – leider von einer Partei, denn es gibt auch (teurerere) parteilose gelbe Schirme von den AAAs. Einen Schirm habe ich verschenkt. Dann hier und da noch mal etwas gekauft, die Web-Page kostet 5€ im Monat, das sind die laufende Kosten. Ich rechne mit kostenloser Mundpropaganda. Sollte das nichts nützen, dann hilft Geld auch nicht. Wenn die Menschen WIRKLICH gegen den Atomstrom sind, dann werden sie das auch in irgend einer Form zeigen müssen. Dafür ist diese Aktion eine Möglichkeit. Alles ist vorbereitet: die Leute brauchen nur (kurz) vorbei zu schauen und mit zu machen. Danach kann man sich wieder den Alltagsgeschehnissen und anderen Themen widmen. Es wäre wirklich mal toll zu sehen, wie viele Leute da ständen, wenn aus Brand und Umgebung ALLE kommen würden, die gegen Atomstrom sind.

VK: Man könnte doch auch Spenden sammeln....

DoomsayClockMini Nein, das ist falsch. Entweder die Idee ist gut und die Leute unterstützen die Aktionen oder nicht. Fertig. Die Leute wollen natürlich spenden, wollen einen Schirm kaufen (5,-€ in der Buchhandlung) oder Plakate fürs Fenster, Aufkleber für das Fahrrad – die kriegt man über all in der Stadt umsonst – auch am Stier im übrigen! Aber tatsächlich wurde schon mal gespendet: Acht Euros. Die hat Benedikt, der gelegentlich die Vertretung macht  (ich kann ja auch nicht IMMER da sein) versehentlich beim ersten Mal eingesammelt. Das Problem ist: die Leute sind gegen Tihange, wollen etwas tun, haben aber keine Zeit oder keine Lust sich zu engagieren und kaufen sich mit einer Spende frei von der Bürgepflicht, selbst für die eigene Meinung ein zu stehen. Ablasshandel sozusagen. Das geht gar nicht und was soll man denn mit diesen „Einnahmen“ machen? Wie soll man die versteuern? So funktioniert diese Aktion nicht. Einfach kommen und mitmachen – man zahlt mit seiner härtesten Währung, die man hat: mit der eigene Lebenszeit! Fünf Minuten pro Woche.

VK: Wie viele Leute unterstützen denn die Aktion?

DoomsayClockMini Die Aktion besteht aus 2 Teilen: zunächst die wöchentliche Zusammenkunft am Stier auf dem Brander Marktplatz und als zweites als digitales Mahnmal im Internet, was man auf Twitter, Facebook und auch direkt „liken“ kann. Da kommt schon einiges an Traffic zusammen. Das ist auch eine Form der Unterstützung.

VK: Gibt es Zahlen?

DoomsayClockMini Die „analoge Aktion“ am Stier direkt wurde regelmäßig von ca 10-15 Leuten per Anwesenheit unterstützt. Immerhin. Nur bei vier Aktionen waren weniger als 10 Leute am Stier, meist mehr. Heute waren es acht (!) Personen – eine Glückszahl im übrigen. Die Spitze war Woche 17 mit über 30 Leuten. Nimmt man also einen Durchschnitt von 12-13 Personen dann standen übers Jahr verteilt um die 600 Personen am Brander Stier.
Interessant sind die Zugriffszahlen der Webpage.  Im Jahr 2017 hatte die Webseite  2184 Personenzugriffe, die 7683 Seiten aufgerufen haben – also fast 8000 Zugriffe wurden nur alleine auf der Webpage generiert. Der Tag mit den meisten Zugriffen war der 11. Dezember 2017, ein Tag nach der Führung mit Michael Zobel im Hambacher Forst. Nach dem 25. Juni – also nach der Menschenkette – gab es sehr viele Aufrufe, ich habe an diesem Tag zwei Stunden lang Flyer verteilt, das war harte Arbeit – auch die Flyer für die TDRM habe ich an den Mann und die Frau gebracht.

Der 29.12. war auf Grund einer Radiosendung beim Tagesgespräch im WDR5 sehr stark:
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5vor12 weckt also durchaus das Interesse der Leute. Es gab zwei Artikel in den örtlichen Printmedien und am 29.12.2017 wurde die Aktion telefonisch im Tagesgespräch im WDR5 vorgstellt. Der Gast war Wolfgang Tierse, der die Aktion sehr gelobt hat. Diese Sendung war geprägt von Anrufenden, die sich für den Planeten, die Menschen oder die Umwelt einsetzen. Wie viele Personen dadurch auf das Thema aufmerksam gemacht  wurden ist schwer zu sagen. Einen weiteren Spot auf 5vor12 gab es im Sommer beim Blickfänger-Wettbewerb der 3Rosen. Aus diesem Anlass gab es einen kleinen Filmzusammenschnitt vom ersten haben Jahr – auf Youtube zu sehen. Und es wurden alle Aktions-Fotos zu einem Album zusammen gestellt. Kleine Denkmale in analoger und digitaler Form.

VK: "Digitales Denkmal" - was hat es damit auf sich?

DoomsayClockMini Ein wichtiger Aspekt ist die Dokumentation einer beharrlichen Absage an die herkömmlichen Methoden der Energieerzeugung. Dicke Bretter bohren dauert eben und man braucht einen langen Atem.
Inspirierend war einen Vortrag eines Mannes aus Fokushima, der sagte sinngemäß: hätten die Leute VORHER gewusst, was hätte passieren können, sie hätten sich gewehrt. Aachen und Umgebung IST gerade in der Zeit eines potentiellen VORHERs und die Leute, die sich wehren, nehmen zu. Ich behaupte mal, dass mittlerweile mehr Anti-Atom-Aufkleber und Plakate in Fenstern und auf den Autos blitzen als vor einem Jahr. Das Bewußtsein für unsere fatale Situation nimmt zu. Dafür sorgen kleiner und größere Aktionen, nicht nur 5vor12!
Dieses Digitale Mahnmal wird uns alle überleben und der Nachwelt zeigen: es gab Leute, die sich versucht haben zu wehren. Und: falls es irgend wann einmal zu so etwas wie einem Supergau kommen würde können sich einige Leute immerhin sagen: ich habe zumindest VERSUCHT, die Dinge zu verändern!
Tritt der glückliche Umstand ein, dass es schon übermorgen eine Energiewende gibt, dann bleibt das digitale Mahnmal als Denkmal und Dankmal stehen und kann weiterhin betrachtet werden als ein Zeichen lebendiger Demokratie.

VK: Wie wird politisch gearbeitet um das Ziel zu erreichen?

DoomsayClockMini Gar nicht. 5vor12 ist nur die Demonstration eines Bürgerwillens: wir wollen das nicht, wir wollen regenerative Energiegewinnung! Jeden Samstag wird die Politik daran erinnert: weg mit Atomkraft! (natürlich ist Kole keine Alternative!) Energiegewinnung geht anders!
Wichtig dabei ist, dass es keine Partei gibt, die diese Aktion vereinnahmt. Es ist völlig  absurd, dass sich Parteien mit den gleichen Zielen gegenseitig blockieren: gleiches Ziel: ja, aber nur so und so – und schon ist man in einer Profilierungsschlacht angelangt.

VK: Was macht so ein Dauerprotest mit einem?

DoomsayClockMini Als Kind hatte ich fürchterliche Angst vor dem Atomkrieg. Kalter Krieg. Wir hatten Glück, nichts ist passiert. Angst und Wut können Menschen sehr gut für eine Sache mobilisieren, doch das schafft eine falsche Stimmung. Dieser Protest 5vor12 soll nicht mein Lebensgefühl beeinträchtigen! Nicht immer einfach, denn ich recherchiere um wöchentlich eine kleine neue Info für die Leute bereit zu halten. Da kommen gruselige Infos zu Tage.
Gerade für die Kinder ist es wichtig, sich von dieser Thematik nicht verängstigen zu lassen, daher steht im Untertitel der Aktion: Energiegewinnung geht anders. Man seht FÜR regenerative Energiegewinnung!

VK: Eben fiel der Begriff "Demokratie"... 

DoomsayClockMini Demokratie ist bis jetzt die beste Staatsform die es gibt. Über 70 Jahre Frieden – welcher Mensch hat jemals ein ganzes Menschenleben lang KEINEN Krieg miterlebt?! DAS ist schon irre. Aber sie muss gelebt, gelern und vielleicht angepasst werden. Die Leute stehen an der Wahlurne und machen beim x schon einen Kompromiss mit sich selbst! Man findet einfach keine Partei, die ALLE Themen, die einem wichtig sind, genau so vertreten, wie man das gerne hätte. Also muss man seine Themen schwerpunktmäßig gewichten und die anderen Kröten dafür schlucken. DAS gefällt mir überhaupt nicht. Mir sind andere Themen ebenfalls sehr wichtig (zB Schulbildung, Altenpflege, Gesundheitssystem uvm) aber es gibt KEINE Partei, die alle diese Themen so vertritt wie ich das möchte. Das ist auch ein Grund, warum ich mich öffentlich nur für EIN einziges Thema stark mache. Ich hoffe, andere Leute werden in anderen Themenbereichen initiativ. Genau DAS ist eben auch Demokratie.

VK: Wie ist die Resonanz?

DoomsayClockMini Aus meinem persönlichen Umfeld erhalte ich sehr viel positive Resonanz und Unterstützung. Auch wenn die Leute nicht regelmäßig kommen finden sie dieses Engagement gut. Es könnte mehr Resonanz auf Twitter oder FB geben – da mache ich alleine viel zu wenig. Da bräuchte man einfach viel mehr Leute. Wer nicht in den Wald ruft wird auch nichts hören!

VK: Wie geht es weiter mit 5vor12?

DoomsayClockMini Noch ein Jahr habe ich mir vorgenommen, dann entscheide ich mich wieder, ob ich weiter mache. Vielleicht ist die Idee ja doof, andererseits schadet es auch niemandem. Vielleicht wird es irgendwann mehr Leute geben, die mit machen, Flyer verteilen, im Internet Traffic generieren – mal abwarten. Einige tun ja jetzt schon etwas. Es gab auch mal den Versuch, weitere Spielstätten zu generieren. Das hängt immer an einzelnen Personen. Der Traum: 10 Spielstätten in ganz Aachen verteilt – das bindet schon 20 Polizeikräfte für diesen Moment. Verbieten kann einem so eine Aktion im übrigen niemand!

Für immer bleiben wird die Dokumentation eines erfolgreichen oder hilflosen Versuches, seinen Willen zu zeigen: No Atomstrom, please!

Und: Nichtstun ist keine Alternative!

Also, wir sehen uns!

Wenn man hinfällt hilft nur:
Aufstehen. Krone richten. Weiter machen.


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